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Eine offene Bühne, ein Flügel, Notenständer,
Kontrabass. Dunkler Vorhang, wenig Licht. Der Pianist verbeugt sich kurz,
dann spielt er die ersten Takte von «Every night». Esther Ofarim betritt
die Bühne, ohne Diva-Pose, ganz in Schwarz mit flammend rotem Haar.
Heftiger Applaus, der auch dann nicht endet, als das Vorspiel eigentlich
vorbei ist. Yoni Rechter – Pianist, Komponist und genialer Arrangeur
aller Stücke – wiederholt also lächelnd einige Takte, bevor die Dame
des Abends mit ihrem klaren Sopran einsteigen kann.
Und sofort hat sie das gesamte, fast ausverkaufte Stadttheater in ihren
Bann gezogen. Esther Ofarim, die seit über vier Jahrzehnten auf der Bühne
steht, als Schauspielerin Erfolge feierte, in den Sechzigern mit ihrem
damaligen Ehemann Abi Ofarim ein Gesangsduo der Superlative bildete und
seit einigen Jahren als Solokünstlerin wieder auf sich aufmerksam macht,
wirkt darüber leicht erstaunt und hoch erfreut. Gelöst atmet sie auf.
«Dirty old Town», das viele im Publikum noch aus alten Zeiten kennen, lässt
das Wohlfühlbarometer im Saal noch ein paar Grade nach oben schnellen.
Doch nicht nur die Erinnerung an damals ist es, die hier wirkt. Auch die
wunderbare Besetzung mit den hervorragenden Musikern Michail Paweletz an
der Violine und Albert Sommer am Bass sowie die immer noch wunderbar
glashelle Stimme der Sängerin geben dem Abend ein ganz besonderes
Leuchten. Ofarim, die mit ihrem gereiften Timbre, ihrem empfindsamen
Ausdruck und ihren unangestrengten Höhen für einige Gänsehaut sorgt,
ist vor allem in den Liedern, in denen sie verstanden wird, einzigartig
– neben englisch, französisch, spanisch und einer Zugabe auf deutsch
singt sie an diesem Abend vorwiegend hebräisch.
So ist beispielsweise das von Lennon/McCartney geschriebene «She’s
leaving home» gekonnt auf sie zugeschnitten, die Interpretation mehr als
nur gelungen. Man hört neben dem brennenden, verletzten Stolz der
verlassenen Eltern genauso die aufregend leuchtende, nur leise bedauernde
Aufbruchstimmung der jungen Ausreißerin, die soeben die Tür ihres
Elternhauses hinter sich geschlossen hat.
Ähnlich beeindruckend, ausdrucksvoll, berührend sind Lieder wie «Bird
on a wire» von Leonard Cohen, das spritzige «Moon of Alabama» von
Weill/Brecht, das innige und verhalten gesungene «Somewhere over the
Rainbow» oder das von Rechter komponierte «Ten li jad». Nach dem mitreißenden
und absolut glaubwürdigen «Mad about the Boy» von Noel Coward gab es
spontane Bravo-Rufe, die die Wahlhamburgerin – ihre wenigen Ansagen
machte sie übrigens auf deutsch – mit einem Lächeln dankend annahm.
Unangefochtener Höhepunkt des Konzertes war jedoch die erste Zugabe. «Morning
of my Life», jener Klassiker, der schon nach den ersten Takten
begeisterten Beifall hervorrief, trieb einigen Zuschauern sichtlich das
Wasser in die Augen. Zart, fragil, strahlend und licht, so setzte Esther
Ofarim den letzten Höhepunkt, bevor die beseelten Zuschauer nach einem
leisen «Gruß» von Felix Mendelssohn-Bartholdy nach Hause geschickt
wurden.
Langer, liebevoller, dankbarer Applaus.
CHRISTINE STUBENVOLL |